Hochschwarzwälder Trachten-ABC

Von A wie Alltagstracht bis W wie Weißer Kranz
23.03.2022

von Philipp Hermann

Trachten sind wie Dialekte fürs Auge. Sie erzeugen ein Gefühl der Gemeinschaft und variieren von Ort zu Ort. Dabei sind sie jüngeren Ursprungs, als man denken mag: Ende des 18. Jahrhunderts, so hat die Kulturwissenschaftlerin Lioba Keller dargelegt, begannen Fürsten damit, an die einfachen Leute Kostüme zu verteilen. Inmitten der Umwälzungen durch Aufklärung und Industrialisierung sollte durch den eher altertümlichen Einheitslook die überkommene Ordnung konserviert werden. Die Tracht war somit – und ist heute noch – der modische Ausdruck von Tradition. 

Heutzutage tragen auch wieder viele junge Menschen im Hochschwarzwald mit Stolz ihre örtliche Tracht: an Feiertagen, zu Festen oder anderen besonderen Anlässen. Dazu beigetragen, dass die traditionellen Trachten „entstaubt“ wurden, haben die Fotografien von Künstlern wie Jochen Scherzinger oder Sebastian Wehrle. Sie begannen vor einigen Jahren damit, Trachten aus verschiedenen Orten hochwertig, frech und mitunter provokativ in Szene zu setzen. Dargestellt wurde dabei auch die enorme Vielfalt der Elemente von Schwarzwälder Trachten. Einen Überblick über einige der zentralen Begriffe liefert unser Trachten-ABC.

Todtnau - Backenhaube & Festtagstracht

Von dieser schwarzen Kopfbedeckung stammt das Sprichwort  „unter die Haube kommen“, denn die Backenhaube wird nur von verheirateten Frauen getragen.
Von dieser schwarzen Kopfbedeckung stammt das Sprichwort „unter die Haube kommen“, denn die Backenhaube wird nur von verheirateten Frauen getragen. © Artwood GmbH

Alltagstracht: Ein schlicht gehaltenes Kleid aus Leinen oder Baumwolle für den täglichen Gebrauch. Oft mit kariertem Muster, dazu eine Bluse mit Puffärmeln. Früher trugen Mädchen auch im Unterricht Tracht, bis zur Schulentlassung nach dem achten Schuljahr. Zuhause wurde die Tracht abgelegt, damit sie lange hielt.

Backenhaube: Schwarze Kopfbedeckung, an der zwei Morébänder (eine Art Seide, nur etwas gröber) befestigt sind. Die Bänder sind mit Goldfaden bestickt und werden unter dem Kinn mit einer großen Schlaufe zusammengebunden. Wird nur von verheirateten Frauen getragen – daher kommt das Sprichwort „unter die Haube kommen“.

Bollenhut: Ein mit weißem Kalk überzogener oder in Gips gegossener Strohhut mit breiter Krempe, auf dem vierzehn Bollen aus Wolle prangen – rote werden von ledigen Frauen getragen, verheiratete steigen auf schwarze Bollen um. Der Ursprung dieser berühmten Kopfbedeckung liegt in der Ortenau, im Hochschwarzwald wird der Bollenhut nicht getragen.

Festtagstracht: Das Pendant zur Alltagstracht, bestehend aus einem goldbestickten und mit Blumenmustern verzierten Mieder aus Samt. Wird nur in der Kirche und bei besonderen Anlässen getragen.

Goller: Ein reich verzierter Halskragen, den es sowohl in runder als auch eckiger Ausführung gibt.

Haartracht: Die Frisur spielt in der Regel keine allzu große Rolle, weil sie unter einem Hut versteckt ist. Allerdings gibt es Trägerinnen, die ihre Haare zu Zöpfen flechten und sogar in den Kopfschmuck integrieren. Das Zurschaustellen einer offenen Mähne ist jedoch strengstens untersagt.

Schonach - Der Strohhut als besonderes Accessoire

Schon um 1700 werden zur Schwarzwälder Tracht Strohhüte getragen, Stroh geflochten wird natürlich schon viel länger. Zur Flecht-Metropole wurde Schonach, wo heute noch das Gebäude der "Strohhut-Manufactur" steht.
Schon um 1700 werden zur Schwarzwälder Tracht Strohhüte getragen, Stroh geflochten wird natürlich schon viel länger. Zur Flecht-Metropole wurde Schonach, wo heute noch das Gebäude der "Strohhut-Manufactur" steht. © Artwood GmbH

Hansjakob, Heinrich: Ein im Kinzigtal beheimateter katholischer Pfarrer und alemannischer Bestsellerautor. Seine 1892 erschienene Schrift „Unsere Volkstrachten“ trug maßgeblich zur Popularisierung des lokalen Einheitslooks im Schwarzwald bei. 

Hippe: Ein Welschhemd für Männer. Die karierte Werktagskluft wird aus Baumwolle gefertigt, das Sonntagsgewand aus weißem Leinen. Darüber trägt der trachtenmodebewusste Mann einen stilechten Schopen, eine Art Jackett.

Latz: Bunt besticktes und zuweilen mit Karton verstärktes Stück Stoff unter der Verschnürung des Mieders. Gibt vom Dekolletee deutlich weniger preis als ein Dirndl.

Männer: Eher unscheinbares Geschlecht, das trachtenmodisch im Schatten der Frauen steht. Tragen in der Regel lange, schwarze Hosen, ein weißes, langärmeliges Hemd, dazu eine ärmellose Weste (Chille) und darüber einen Schopen, der gelegentlich dezent mit einem Wahrzeichen wie Kirche oder Wappen versehen ist. Trachten stellen das Pfau-Prinzip auf den Kopf. Das gilt zumindest bis zur Hochzeit, danach gleicht sich die Frau farblich dem Mann an.

Niedertracht: Gesinnung, die zutagetritt, wenn ein Schwarzwälder auf einem heimischen Volksfest in Lederhosen rumläuft (Definition nach Jochen Scherzinger).

Rollenkranz: Ein mit Gänsefedern geschmückter, weißer Kopfschmuck, der heute noch in St. Märgen bei der Erstkommunion das Haupt von Kindern ziert.

Schnapphut: Schwarzer Frauenhut aus einem flach gepressten Strohgeflecht. Je nachdem, ob man ihn zur Beerdigung oder an Christi Himmelfahrt trägt, in schwarzer oder weißer Ausführung.

Seidenschürze: Ein für Frauen bestimmtes Hüftkleid, das um die Taille gebunden wird. In der Regel wird die Schürze unter einem Trachtenkittel getragen, in manchen Gegenden aber auch darüber. In St. Peter hat man dieses Textil vor sehr langer Zeit auch Fürtuch genannt.  

St. Georgen - Der Schäppel, ein prunkvoller Kopfschmuck

Dieser Kopfschmuck ist bis zu vier Kilo schwer und wird "Schäppel" genannt. Er wurde u.a. in St. Georgen von Mädchen zur Kommunion oder von unverheirateten Frauen an kirchlichen Feiertagen getragen.
Dieser Kopfschmuck ist bis zu vier Kilo schwer und wird "Schäppel" genannt. Er wurde u.a. in St. Georgen von Mädchen zur Kommunion oder von unverheirateten Frauen an kirchlichen Feiertagen getragen. © Artwood GmbH

Sommerhut: Flacher, in Gips gegossener Strohhut, der anstelle von Bollen diversen Zierrat auf sich vereint. Wird oft umspielt von einem Schleier.

Streublümle: Von Hand gestickte Verzierungen auf Samtwesten. Besonders beliebt ist das florale Erkennungszeichen bei Trachtenkapellen.

Strohhut: Schon um 1700 werden zur Schwarzwälder Tracht Strohhüte getragen, Stroh geflochten wird natürlich schon viel länger. Unsere Vorfahren stellten auf diese Weise Schuhe, Taschen und eben auch Hüte her. Zur Flecht-Metropole wurde Schonach, wo heute noch das Gebäude der "Strohhut-Manufactur" steht.

Schäppel: Prunkvoller, bis zu vier Kilo schwerer Kopfschmuck. Wird getragen von Mädchen zur Kommunion oder von unverheirateten Frauen an kirchlichen Feiertagen. Zum letzten Einsatz kommt sie bei der Hochzeit als Brautkrone, danach verschwindet sie im Schrank. Der Begriff entstand vermutlich in Anlehnung an das französische Wort „Chapeau“ für Hut. 

Tricks: Werden nicht verraten. Jede Schneiderin verfügt über einen Schatz an Geheimwissen und hütet diesen wie ihren Augapfel.

Unterhut: Kappe oder Haube, die unter dem harten Sommerhut getragen wird, damit dieser nicht die Kopfhaut zerkratzt. 

Weißer Kranz: Ein aus weißen Blüten, Wachstropfen und grünen Myrtenblättern zusammengestellter Kopfschmuck. Mädchen und unverheiratete Frauen tragen ihn bis zur Hochzeit.

Titisee - Farbenfrohes Festtagsgewand

Die Seidenschürze mit goldenen Blüten harmoniert perfekt zur blauen Trachtenjacke. Diese Tracht aus Titisee wird auch heute noch zu festlichen Anlässen, wie z.B. traditionellen Konzerten, Auftritten von Trachtentanzgruppen oder Volksfesten getragen.
Die Seidenschürze mit goldenen Blüten harmoniert perfekt zur blauen Trachtenjacke. Diese Tracht aus Titisee wird auch heute noch zu festlichen Anlässen, wie z.B. traditionellen Konzerten, Auftritten von Trachtentanzgruppen oder Volksfesten getragen. © Artwood GmbH

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  • Artwood GmbH
    Für die einen ist Jochen Scherzinger ein Tabubrecher, für die anderen ein Hoffnungsträger. Wahrscheinlich ist er beides. Der Gutacher Modedesigner entwirft Schwarzwälder Trachten, mit der sich auch Hipster identifizieren können. Riebelehose und Piercing schließen sich bei ihm nicht aus. Unter dem Label „Artwood“ zeigt er gemeinsam mit dem Fotokünstler Sebastian Wehrle den Schwarzwald von seiner frischen, provozierenden Seite. Einer der Stars der Galerie: die tätowierte Bollenhut-Frau mit dem lasziv-herausfordernden Blick. Hier treffen zwei Welten aufeinander und verschmelzen zur Heimat, wie man sie noch nicht gesehen hat.
    artwood.de