Magischer Ort: Das Hochmoor am Blindensee

Eine Wanderung ins bodenlose
23.03.2022

von Anita Fertl

Ein Ausflug zu einem sagenhaft schönen und kostbaren Lebensraum: Hochmoore sind mystisch und manchmal ein bisschen gruselig – aber unheimlich wichtig für Menschen, Tiere, Pflanzen und das Klima: Warum das so ist, zeigt eine Wanderung mit fachfraulicher Begleitung durch das Naturschutzgebiet Blindensee.

War das ein Gluckern? Oder schlägt doch nur die Fantasie Purzelbäume, hier am Blindensee, der wie ein Moorauge dunkel aus der Tiefe schaut? Er scheint magisch, dieser Ort. Sagen und Mythen ranken sich um seine unergründliche Tiefe und Stille. Seltene Tiere und botanische Hungerkünstler sind hier zu Hause. Wunderlich borstige Spirken – eine Unterart der Bergkiefer – und Gräser wachsen an diesem feuchten Flecken schwingender Erde, über den hölzerne Stege führen – zum Glück! Denn sonst könnte man dem Hochmoor zwischen Schönwald und Schonach, einem der wenigen noch wachsenden Moore, nicht so nahekommen.

„Ungefähr einen Millimeter im Jahr wächst die Torfschicht“, präzisiert Ingrid Schyle. Die Schonacher Gästeführerin kennt den Blindensee von klein auf: „1977 hat man die Torfmächtigkeit gemessen. An den dicksten Stellen beträgt sie bis zu acht Meter“, ergänzt sie. Rechnet man das hoch, kann man das Alter des Moors erahnen: Rund 8000 Jahre hat es gedauert, bis die Torfschicht zu ihrer heutigen Höhe angewachsen ist. Sie ist auch der Grund für die Bezeichnung Hochmoor – und nicht etwa die Meereshöhe von rund 1000 Metern. Vielmehr heißen Hochmoore so, weil sie in die Höhe wachsen und sich wölben. Zudem haben sie keinen Kontakt mehr zum Grundwasser, das unterscheidet sie von Niedermooren.

Gästeführerin Ingrid Schyle im Hochmoor

Gästeführerin Ingrid Schyle kennt den Blindensee von klein auf. Seltene Tiere und Pflanzen sind hier zu Hause. © Anita Fertl

Früher nutzloses Land, heute ein Schatzkästchen

Begonnen haben wir unsere Wanderrunde unweit des Blindensees, vorbei am Wolfbauernmoor. Das Sumpfgras scheint für uns Schmuck angelegt zu haben, trägt an diesem Morgen eine feine Perlenkette aus Tautropfen. Während Naturliebhaber heutzutage beim Anblick der feuchten Erdhügel mit ihren warmen Farben ins Schwärmen geraten, galten Moore früher nur als tückisches, nutzloses Gelände. Folglich wurde im Wolfbauernmoor der Torf gestochen, um die regionalen Eisenhüttenwerke zu betreiben. Später wurde er als Bädertorf verkauft. Anders als das Blindenseemoor ist dieses Moor daher nicht mehr intakt – in wenigen Jahrzehnten wurde das in Jahrtausenden Gewachsene zerstört.

Damals ahnte noch niemand, welch große Rolle den Mooren beim Klimaschutz zukommt: „Weltweit nehmen Moore nur drei Prozent der Landfläche ein, speichern aber ein Drittel des erdgebundenen Kohlenstoffs“, erklärt Ingrid Schyle. Zum Vergleich: Damit binden Moore weltweit doppelt so viel Kohlendioxid wie alle Wälder zusammen. Aber: „Wenn ein Moor nicht mehr intakt ist, kann das CO2 wieder entweichen. Das führt zu einem schnellen Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre“, so Schyle über ein Schatzkästchen der Natur, das auch künftig verschlossen und bewahrt bleiben sollte. Deshalb wurde das Blindenseemoor 1960 zum Naturschutzgebiet erklärt.

"Natürlich gehören zum Moor auch Geschichten über Moorleichen."
(Ingrid Schyle)

Wir erreichen den Waldrand und kurz darauf leiten schmale Holzplanken uns direkt ins Blindenseemoor. Noch sieht es harmlos aus und nicht so, als könnte ein Fehltritt gefährlich werden. Schyle lacht: „Natürlich gehören zum Moor auch Geschichten über Moorleichen.“ Wenn in der dunklen Jahreszeit der Nebel wabert, die krummen Verästelungen der Spirke aus dem Nichts ragen, wird der schaurige Eindruck genährt. „Aber bei uns am Blindensee ist nichts dergleichen belegt“, beruhigt Schyle.

Wobei – einmal soll ein Bauer aus der Gegend auf seinem Ochsengespann müde geworden und eingeschlafen sein. Der Ochse brach im Moor ein, ertrank jämmerlich, der Bauer konnte sich noch retten. So ging er am nächsten Tag nach Hausach auf den Viehmarkt, um ein neues Tier zu holen. Doch was sah er dort auf einer Weide? Seinen Ochsen samt Gefährt. Der Sage nach muss es folglich einen unterirdischen Durchgang vom Blindensee bis ins gut 20 km entfernte Hausach geben.

Aussichtsplattform am Blindensee

Lange Holzstege und Aussichtsplattformen führen durch das Moor. © Hochschwarzwald Tourismus GmbH

Hungerkünstler und Wassergeist

Etwas, das es tatsächlich gibt, wächst direkt neben dem Steg: Ein Sonnentau, fingernagelgroß, lockt mit seinen glänzenden Tentakeln Insekten an. Er gehört zur speziellen Pflanzengesellschaft im Moor, die nur als Hungerkünstler überleben kann Denn der Boden hier ist „krachsauer“, fast so sauer wie Essig, erklärt Ingrid Schyle.

Trotzdem ist das Moor alles andere als tot. Im Gegenteil: das Leben tobt. Knabenkräuter-Orchideen blühen, Wollgräser wippen mit ihren weißen Köpfen im Wind. Es gibt das knallrote Sumpfblutauge und Waldhyazinthen. Dazu kommen die wurzellosen Torfmoose, die Niederschlagswasser wie ein Schwamm aufsaugen. Schyle nennt sie die „Architekten des Moors“, denn sie bilden den Torf. Zwischen einem Heidelbeerteppich wächst die Rauschbeere und lockt den seltenen Hochmoorgelbling an, einen Schmetterling, dessen Larven sich von den Blättern und Knospen des Strauchs ernähren. Vögel wie der Zitronengirlitz oder der Baumpieper bauen hier ihr Nest, und an warmen Tagen jagen Libellen durch die Luft, darunter die seltene Hochmoor-Mosaikjungfer.

Mittlerweile sind wir beim See angelangt, der seinen Namen vom benachbarten Blindenhof und dessen erblindetem Besitzer Gabriel Kern hat. Wie tief er wohl sein mag? „Das fragten Schüler 1880 auch den Lehrer Koch“, erzählt Schyle. Sie bauten ein Floß, und wagemutig fuhr der Lehrer zur Mitte des Sees. Mit einem langen Stock stieß er ins Wasser, um zu messen. Plötzlich kam eine schaurige Stimme aus der Tiefe: „Misst du mich, dann fress‘ ich dich.“ Der Lehrer nahm Reißaus … Ingrid Schyle schmunzelt: „Im Jahr 1977 wurde die Tiefe tatsächlich gemessen. Drei Meter sind’s“, lacht die Gästeführerin. Ewig könnten wir noch hier sitzen, uns fast verlieren in der unergründlichen Tiefe – wo womöglich heute noch so mancher Moorgeist hockt. Beim Gedanken daran machen wir uns doch lieber wieder auf den Weg.