Anpacken fürs Rößle

Wie ein Hochschwarzwälder Dorf sein Gasthaus rettete

von Freya Pietsch

Knarzende Dielenböden, Tellerklappern und am Fenster pinke Geranien: Im Gasthaus Rößle in Todtnau-Geschwend ist das Leben zurückgekehrt. Noch vor 15 Jahren stand das denkmalgeschützte Gebäude leer. Ein Polterabend im Haus gegenüber brachte die Wende.

„Das Ganze war eine echte Schnapsidee“, sagt Daniel Steiger und lacht. Er sitzt am Stammtisch vom Gasthaus Rössle in Todtnau-Geschwend und lehnt den Kopf an die holzvertäfelte Wand. In der Ecke tickt eine Schwarzwalduhr, links von ihm thront ein grüner Kachelofen, eine kleine Vase mit frischen Blumen steht auf dem Tisch. Gemütlich ist es in dem historischen Schwarzwaldhaus mit den warm-weißen Vorhängen, in dem heute wieder das Leben pulsiert und die Gäste ein- und ausgehen. Das war nicht immer so. „Nachdem die ehemalige Wirtin und Besitzerin ins Altersheim gekommen war, stand das Gebäude leer“, erinnert sich Steiger.

Das war vor knapp 15 Jahren. Der heute 43-Jährige und zweite Vorstand der Rößle-Genossenschaft wohnte damals noch im Elternhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Man konnte quasi mitansehen, wie das Gebäude vor sich hingammelte“, erzählt er. Immer wieder haderten die Bewohner des 400-Seelen-Dorfs mit dem Schicksal „ihrer“ Gaststätte. Das Anwesen aus dem 18. Jahrhundert war früher ein beliebter sozialer Treffpunkt gewesen. Hier hatte man Feste gefeiert, Hochzeiten, Geburtstage, Maskenbälle - und jetzt sollte alles dem Verfall oder fremden Käufern überlassen werden?!

Dorfgasthaus das Rößle Gschwend Daniel Steiger und Ingrid Oberle

Herzlich Willkommen! Daniel Steiger (l.), stellvertretender Vorstand der Rößle-Genossenschaft, freut sich mit Kellnerin und "guter Seele" des Hauses Ingrid Oberle auf Gäste. © Das Rössle

Die „Schnapsidee“, das Rößle gemeinsam zu kaufen und als Dorfgaststätte wiederzubeleben, kam Steiger mit einer Gruppe an Gästen zu später Stunde bei seinem Polterabend. „Ich hänge ja ohnehin an so alten Hütten und finde es fatal, wenn sie zerfallen“, sagt der Bauingenieur. Von Anfang an sei er „euphorisch“ mit dabei gewesen. „Für mich war das eine Ideallösung, einerseits das Gebäude zu erhalten und andererseits wieder einen Treffpunkt für das Dorf zu schaffen.“

Nach dem Polterabend trieb ein „harter Kern“ von vier Geschwender Familien das Projekt Rössle voran. Sie gründeten 2011 eine Interessensgemeinschaft, die bald darauf in eine Genossenschaft mündete. Diese Rechtsform schien ihnen am besten geeignet, um die Rettung des Rössle betriebswirtschaftlich auf eine solide Basis zu stellen und gleichzeitig das ebenbürtige Miteinander zum Ausdruck zu bringen. Denn bei einer Genossenschaft steht immer das gemeinsame Ziel im Vordergrund, nicht etwa der Profit eines einzelnen. Alle Mitglieder haben das gleiche Stimmrecht, unabhängig davon, wieviele Anteile sie zeichnen. 

Dorfgasthaus das Rößle Gschwend Genossenschaft

Vor zehn Jahren gründeten sie eine Genossenschaft, um "ihr" Gasthaus wiederzubeleben (v.l.): Gerlinde (Linda) Dießlin, Hubert Steiger, Sabine Ückert, Simon Steiger, Daniel Steiger, Dieter Hierholzer und Ewald Dießlin. © Das Rössle

Viele Bewohner waren spontan mit dabei

„Viele Dorfbewohner fanden das Ganze eine tolle Idee und waren spontan mit dabei“, erinnert sich Daniel Steiger an die Anfangszeit zurück. „Andere sagten: ,Ihr seid verrückt!‘, aber wir machen trotzdem mit.“ Diese „Trotzdem-Haltung“ ist bis heute typisch für die Genossen: Viel Arbeit? Hohe Kosten? Straffer Zeitplan? Egal. Das bekommen wir irgendwie hin! – so die optimistische Grundhaltung.

Bei der Ausräum-Aktion im Laufe des Jahres 2012 und der anschließenden Restaurierung packte dann „das halbe Dorf“ mit an. In Rekordzeit von nur etwas mehr als einem Jahr entrümpelten die Genossen das historische Gebäude und renovierten es mit Hilfe von Handwerkern. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde dabei so weit wie möglich bewahrt – auch was das Erscheinungsbild und das Inventar angeht: Die Wand- und Deckenverkleidungen wurden erhalten, Holztische in der Wirtsstube abgeschliffen und aufgearbeitet, alte Stoffe zu Kissen weiterverarbeitet.

Noch kurz vor der Eröffnung im Januar 2013 war das Rößle eine einzige große Baustelle. „Unser Koch rührte in den ersten Monaten in Farbeimern anstatt Soßen“, lacht Daniel Steiger. Kosten- und zeitaufwändige Überraschungen gab es immer wieder, zum Beispiel als die Geschwender morsches Gebälk entdeckten oder die vorhandenen Elektroleitungen unerwartet ersetzt werden mussten. Das Team musste unter Zeitdruck reagieren, die Nerven behalten, kreativ sein, sich gegenseitig ermutigen und vor allen Dingen: mit Humor an ihrer „Das schaffen wir trotzdem“-Einstellung festhalten. 

Es waren anstrengende Monate und doch war es eine ganz besonders schöne Zeit, „die schönste überhaupt“, meint Linda Dießlin. In dieser Zeit seien sie so richtig zusammengewachsen. Die Geschwenderin arbeitet heute als Servicekraft im Rößle. Ihr Mann hatte nach dem Polterabend die „Schnapsidee“ vom Nachbarn mit nach Hause gebracht. „Ich war von Anfang an dagegen“, sagt sie und wischt schmunzelnd mit einem Lappen über den Holztisch. „Aber wie man so schön sagt: mitgehangen, mitgefangen.“ Und so hat sie ihre Skepsis beiseitegeschoben, die Ärmel hochgekrempelt und sich miteingebracht – erst beim Ausräumen des Gebäudes, später, nach der Neueröffnung, in der Küche beim Spülen, als Reinigungskraft oben in den Gästezimmern und heute im Service. „Ich habe mich regelrecht hochgearbeitet“, sagt sie und lacht. „Im Rößle sind ganze Karrieren möglich.“

Dorfgasthaus das Rößle Gschwend Linda Dießlin, Daniel Steiger, Jutta Strohmeier

Zusammenhalt ist ihnen wichtig. Linda Dießlin, Daniel Steiger und Jutta Strohmeier (v.l.) engagieren sich seit vielen Jahren fürs Rößle. © Das Rössle

Dass die Geschwender mit ihrem Dorfgasthaus etwas ganz Besonderes auf die Beine stellen, sprach sich schnell über die Grenzen des Hochschwarzwalds hinaus herum. Die Presse wurde aufmerksam, der SWR filmte die Renovierung. Immer mehr Menschen fanden Gefallen an dem Projekt. Ein Kulturverein, der eigene Veranstaltungen im Rößle organisiert, ist entstanden. Heute bringen sich knapp 220 Genossen ein. Das Kapital ist – auch mit Hilfe von Fördermitteln des Landes und der Europäischen Union – auf rund 450.000 Euro angewachsen. Längst stammen die Genossen nicht mehr nur aus dem Schwarzwald. Daniel Steiger: „Wir haben Unterstützer aus der ganzen Welt: Afrika, Australien, USA … und natürlich auch deutschlandweit.“

Die vielleicht größte Herausforderung erwartete das Rössle-Team dann mit der Eröffnung der Wirtschaft im Januar 2013. „Von Anfang an wurden wir überrannt“, erinnert sich Linda Dießlin. „Und wir vom Kern-Team hatten alle keine Erfahrung in der Gastronomie.“ Zuweilen seien sie schon überfordert gewesen. Anfragen für Hochzeiten und Familienfeiern – sie hätten die Aufgaben einfach angenommen, obwohl sie nicht wussten, wie sie sie konkret stemmen sollten. Der Erfolg gibt ihnen bis heute Recht, das Restaurant trägt sich seit dem zweiten Betriebsjahr und ohne Reservierung bekommt man im Sommer keinen Platz im gemütlichen Rößle-Biergarten. Für Linda Dießlin ist das ein Ansporn: „Die Gäste sind durch die Reihe weg begeistert. Wir bekommen viele positive Rückmeldungen.“

Heute beschäftigt die Genossenschaft um die 20 Mitarbeiter – Voll- und Halbzeitkräfte. Eine große Aufgabe sieht Daniel Steiger aktuell darin, auch in Zukunft Personal für die Gastronomie zu finden und junge Mitstreiter, die sich für den gemeinschaftlichen Erhalt einsetzen. „Wir sind ja kein Verein, der Jugendarbeit macht und haben es dadurch schwerer.“ Er hofft auf „Junge Wilde“, die zum Beispiel den Ausbau der ebenfalls zum Anwesen gehörenden Scheune in die Hand nehmen. „Aus der Tenne könnte man Ferienwohnungen machen oder Räumlichkeiten für einen Hofladen.“ Oder beides. Es schlummert noch viel Potential im Rößle.

"Dieser Zusammenhalt ist für mich etwas Einmaliges."
(Jutta Strohmeier)

In der Zwischenzeit hat Jutta Strohmeier mit einem fröhlichen „Hallo“ den Gastraum betreten und sich ihre weinrote Schürze umgebunden. Die Wirtin kommt aus dem benachbarten Todtnauberg und ist ein Jahr nach der Eröffnung als Restaurantleiterin im Rößle eingestiegen. Kurz darauf hat sie als Genossin Anteile erworben. Sie stammt aus einer Gastronomiefamilie und bringt das nötige Know-how mit. Doch das ist nicht der Grund, warum sie fürs Rößle wirbelt: „Mich hat der Gedanke gereizt, eine Arbeit mit flachen Hierarchien zu haben. Hier gibt es keine festgefahrenen Strukturen und kein Scheuklappen-Denken. Alle arbeiten auf ein gemeinschaftliches Ziel hin. Keiner lässt den anderen hängen“, sagt sie und strahlt in die Runde. „Dieser Zusammenhalt ist für mich etwas Einmaliges.“

Mehr Informationen

  • Einkehren und Unterstützen

    Paniertes Schnitzel, Käsespätzle oder doch lieber einen bunten Salat? Im Rössle werden feine, gutbürgerliche Speisen zu vernünftigen Preisen serviert. Reservierung erbeten. Auch mit Spenden oder einer Mitgliedschaft in der Genossenschaft kann man den Erhalt des Dorfgasthauses unterstützen. 

    Das Rößle
    Im Dürracker 3
    79674 Todtnau-Geschwend
    Tel. +49(0)7671/9925446
    dasroessle.de