Der Fall Faller Wie ein „Luftibus“ aus Friedenweiler einen Sultan um den Finger wickelte und den Orient mit Schwarzwalduhren überschwemmte

von Florian Kech, 20. Januar 2020

Schwarzwälder Uhrenhändler verkauften im 18. und 19. Jahrhundert in fernen Ländern die beliebten Uhren
Schwarzwälder Uhrenhändler verkauften im 18. und 19. Jahrhundert in fernen Ländern die beliebten Uhren - © Hochschwarzwald Tourismus GmbH_Hannes Kutza

Da war er also wieder, der Faller Mathis. Der verlorene Sohn vom Schafhof. Logiert seit Tagen im nobelsten Wirtshaus, das Neustadt zu bieten hat, und macht hier sprichwörtlich einen auf dicke Hose. Wie ein Harlekin sieht er aus in seinem fremdartigen Aufzug. Die Robe, die man dort, wo er sich die letzten elf Jahre aufhielt, Kaftan nennt, ist von oben bis unten mit Blumen bestickt. Für das Wälderauge, das ein eingeschränktes Farbenspektrum gewöhnt ist, die pure Reizüberflutung. Dasselbe gilt für seine ausladenden, glänzenden Haremshosen. Woraus die wohl genäht wurden: Samt oder Seide? An den Füßen trägt er spitze Lederstiefel, die nur bis zu den Knöcheln reichen – nichts Ganzes und nichts Halbes. Was für eine Erscheinung!

Fallers Aufenthalt hat sich herumgesprochen. Um seinen Tisch im Wirtshaus herrscht Gedränge. Vor allem Frauen und junge Burschen lauschen gebannt den Geschichten über Konstantinopel, den Palast und den Sultan, die klingen wie aus Tausendundeiner Nacht. Die älteren Männer an den Nebentischen versuchen Schwarzwälder Gleichgültigkeit zu demonstrieren, doch ihre gespitzten Ohren, aus denen Haarbüschel wachsen, leuchten vor Neugier. Als einer von ihnen „Märchenonkel“ dazwischen grummelt, wird er von Zuhörerinnen angezischt, er solle gefälligst Ruhe geben.

Der Uhrenhändler Mathias Faller verkaufte sogar im Orient seine Uhren erfolgreich
Der Uhrenhändler Mathias Faller verkaufte sogar im Orient seine Uhren erfolgreich  - © Klostermuseum St. Märgen

Alles nur ein Bluff?

Über den Faller Mathis wird allerhand erzählt. Zum Islam sei er übergetreten, und er halte sich in Konstantinopel einen ganzen Harem. Niemand weiß, was davon stimmt. Offenkundig scheint jedoch, dass er es zu sagenhaftem Reichtum gebracht hat. Oder ist das alles nur ein Bluff? Zieht er etwa eine Show ab, nur um seine fünf Brüder zu demütigen, weil sie ihn einst vom Schafhof in Friedenweiler gejagt hatten? Ein Aufschneider war er gewesen, ein spendabler wohlgemerkt, der so manche Wirtshausrunde springen ließ. Wegen seiner Verschwendungssucht war es zwischen ihm und den Brüdern zum Bruch gekommen. Nach ewigen Streitereien schlossen sie ihn aus dem familiären Uhrenhandel aus. Sollte der „Luftibus“, wie sie ihn verspotteten, doch alleine schauen, wie er zurechtkam.

Das war 1779. Dem Jahr, in dem Lessing seinen Nathan herausbrachte, Kant die Kritik der reinen Vernunft schrieb und James Watt an der Dampfmaschine tüftelte. Die Welt befand sich im Um- und Aufbruch. Die eine Revolution, in Amerika, war gerade abgeschlossen, die andere, in Frankreich, stand kurz bevor. In dieser Zeit der Entfesselung fasste Mathias Faller, tief gekränkt und hoch motiviert, einen folgenreichen Entschluss: Er brach auf in den Orient. Für seine Vorfahren wäre ein solcher Schritt wohl undenkbar gewesen, war unter jenen Generationen die Panik vor der sogenannten „Türkengefahr“ doch noch weit verbreitet. Lange vor der Erfindung der sozialen Medien hatten Flugblätter vor säbelrasselnden Muselmännern und einer Islamisierung des Abendlandes gewarnt. Doch an die Stelle der Angst traten Geschäftsinteressen – und ein ordentlicher Schluss Abenteuerlust.

Fallers Orientexpress war vermutlich eines jener Einwegboote, die auf der Donau Waren und Personen stromabwärts transportierten, bis zur Mündung ins Schwarze Meer. Sein Frachtgut bestand aus wenig mehr als einer Kiste Schwarzwalduhren, in die er den von seinen Brüdern ausbezahlten Anteil investiert hatte.

Der verschrobene Sultan

Vom Schwarzwald in den Schmelztiegel: Neben den 500 000 Einwohnern machen Händler aus aller Welt Konstantinopel zu einer flirrend schillernden Multikultimetropole, die ihresgleichen sucht. Nach seiner Ankunft hat Faller nur ein Ziel: den Herrscherpalast. Dort residiert seit fünf Jahren Abdülhamid I. Der Sultan gilt, wie seine Vorgänger, als ziemlich verschroben, was nicht verwundert. Denn die Thronfolger wurden bis zum Amtsantritt in das Prinzengefängnis gesperrt, den sogenannten Kafes, wo sie Einzelunterricht von ihrer Mutter erhielten, Zugang zum Harem hatten, aber ansonsten von der Außenwelt komplett abgeschottet blieben. Mit dieser Isolation sollte die bis ins 17. Jahrhundert gängige Praxis des Brudermords überwunden werden. So gelang es zwar, das institutionalisierte Blutvergießen um die Thronfolge zu beenden, dafür hatten die osmanischen Herrscher nun reihenweise einen an der Klatsche.

Auch bei Abdülhamid hat die mehr als 40-jährige Palasthaft Spuren hinterlassen. Entscheidungsschwach und politisch völlig unbeleckt, überließ er das Regieren im Wesentlichen den Großwesiren oder Admirälen und sah seine Rolle in der des zurückhaltenden Moderators. Nach endlosen Kriegen an mehreren Fronten und einem entbehrungsreichen Pseudofrieden mit Katharina der Großen lag das Osmanische Reich ausgezehrt am Boden. Trotz knapper Kassen investierte Abdülhamid in Schulen, Bibliotheken und Suppenküchen. Außerdem ließ der Frankreich-Fan die Palasträume mit hohen Spiegeln und Gemälden ausstatten.

Eine ganz andere Welt erwartete Matthias Faller in der Großstadt Konstantinopel, wo der Sultan ihm Zutritt zum Palast gewährte. Dieses Bild zeigt einen Herrscher aus dem Orient.
Eine ganz andere Welt erwartete Matthias Faller in der Großstadt Konstantinopel, wo der Sultan ihm Zutritt zum Palast gewährte. Dieses Bild zeigt einen Herrscher aus dem Orient.  - © Herbert Mark

Eine Schwarzwalduhr als Türöffner

Vielleicht war es dieser lockere Umgang mit Geld, der sie einte, vielleicht fand der Sultan deshalb den Gast aus dem Schwarzwald auf Anhieb sympathisch, weil er eine gewisse Wesensverwandtschaft erkannte. Jedenfalls gewährte er Mathias Faller Zutritt in die „Hohe Pforte". Und der Besucher war nicht mit leeren Händen gekommen. Faller überreichte dem Sultan eine Schwarzwälder Spieluhr, mit arabischen statt römischen Ziffern, mit geschnitztem Halbmond und Muselmann, die zur vollen Stunde eine türkische Melodie erklingen ließ. Der Sultan war so begeistert über das Unikat, dass er sich mit dem größten Geschenk revanchierte, das man einem Händler machen kann: einem Ferman, einem Freihandelsbrief. Von da an war Faller berechtigt, im ganzen Osmanischen Reich Geschäfte zu machen.

So ähnlich könnte die von Faller an den Sultan überreichte Uhr ausgesehen haben.
So ähnlich könnte die von Faller an den Sultan überreichte Uhr ausgesehen haben. - © Klostermuseum St. Märgen

Befreit von Abgaben konnte Faller seine Waren günstiger verkaufen als die Konkurrenz. Die Nachfrage war so groß, dass die Uhrenmacher daheim im Hochschwarzwald mit der Herstellung kaum nachkamen. Doch selbst wenn Engpässe drohten – nie hätte Faller bei seinen Brüdern nach Nachschub angefragt. Dieses Band blieb zerschnitten. Von den sprudelnden Einnahmen erwarb Faller eine Villa im Luxusviertel Galata. Wozu Erfolg, wenn man nicht mit ihm prahlte? Nein, Bescheidenheit gehörte nicht zu Fallers Stärken.

Unter den Bewunderern im Neustädter Wirtshaus sind auch die beiden jungen Burschen Spiegelhalter und Ganter. Sie kleben dem Selfmade-Geschäftsmann förmlich an den Lippen. Faller bemerkt das wissbegierige Duo und macht ihm ein Angebot, das einem Sechser im Lotto gleicht: Sie dürfen den Geschäftsmann nach Konstantinopel begleiten. Die tüchtigen Hochschwarzwälder kurbeln den Uhrenverkauf im Orient weiter an.

Eine grauenvolle Entdeckung

Doch etwas hat sich verändert in Fallers zweiter Heimat. Vielleicht liegt es am Tod seines Förderers Abdülhamid, dass er sich nicht mehr richtig wohlfühlt. Vielleicht die innenpolitischen Spannungen, der außenpolitische Druck der Russen, Habsburger und Perser, der auf dem Reich lastet. Vielleicht spürt er als reicher Ausländer aber auch eine wachsende Missgunst. Jedenfalls hat er nach weiteren vier Jahren Aufenthalt genug von Konstantinopel.

1794 beschließt er die Rückkehr in die Heimat. Spiegelhalter und Ganter stehen an 25. Juni abreisebereit am vereinbarten Treffpunkt. Doch der Chef lässt auf sich warten. Sie schauen in der Villa nach ihm, vergeblich. Sie rufen seinen Namen, ohne eine Antwort zu erhalten. Im Gewölbekeller machen sie schließlich eine grauenvolle Entdeckung: Mathias Faller liegt mit aufgeschlitzter Kehle in seinem eigenen Blut.

Etwa ein halbes Jahr später berichtet das Donaueschinger Wochenblatt am 8. Oktober 1794 über das Verbrechen am Bosporus und gibt zu Protokoll, „dass der Ermordete zehn Stiche im Leib, und die Gurgel von einem Ende zum anderen abgeschnitten gehabt habe“. Es gab Gerüchte, einer seiner türkischen Freunde habe die Tat verübt. Doch aufgeklärt wurde der Fall Faller nie.

Mehr als zweihundert Jahre später: Für die Recherchen zu ihrem Buch „Der Ferman“ macht sich die Neustädter Schriftstellerin Birgit Hermann auf die Spuren des beinahe vergessenen Mathias Faller und sucht in Istanbul nach jener legendären Spieluhr, mit der ihr Romanheld einst die Gunst des Sultans gewann. Die Suche verläuft erfolglos. Dafür macht sie eine andere interessante Entdeckung: Der Mann, der im Palast die Uhren repariert, spricht Deutsch. Im Gespräch verrät er ihr, dass sein Großvater auch Uhrenmacher gewesen sei – und aus dem Hochschwarzwald stammte.

 Abenteuer in der Ferne:

Genau wie Mathias Faller zogen vor Jahrhunderten zahlreiche Hochschwarzwälder Uhrenhändler in ferne Länder um dort ihr Glück zu suchen – von London, Paris und Rom bis nach Russland und in die USA. Von ihren Geschichten und Schicksalen erzählt eine Dauerausstellung im Kloster Museum St. Märgen, Rathausplatz 1, 79274 St. Märgen.

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