Schiff ahoi! Seemänner in vierter Generation: die Geschichte der Bootsbetriebe am Titisee

Sommerfrische mit Seebrise! Seit über 100 Jahren ist am Titisee nicht nur Wandern angesagt, sondern auch eine Fahrt mit dem Panorama-, dem Tret- oder Ruderboot. Ein Pionier am See war Anfang des 20. Jahrhunderts Lorenz Winterhalder, dessen Bootsbetrieb heute noch Ausflügler und Urlauber aufs Wasser bringt. 

von Pascal Cames, 21. Januar 2020

Landungssteg Schweizer
Landungssteg Schweizer  - © Bootsbetrieb Schweizer Titisee

Ruhig liegt der Titisee da, sein Wasser schimmert tiefblau. Am Ufer beginnen die ersten Laubbäume, sich zu verfärben. Spätsommer. Wieder ist eine Saison fast vorbei. Schon bald werden alle Schiffe in den Docks liegen. Die Kapitäne, die offiziell „Bootsführer“ heißen, legen dann ihre Mützen ab und lassen noch ein letztes Mal den Blick schweifen. Bootsführer Armin Schweizer wird dann zum Bootsbauer, in dieser Eigenschaft gibt es einiges zu tun: lackieren, ausbessern, reinigen. „Die Flotte muss gewartet werden!“ Das passiert auf dem Mondhof, der direkt am See liegt.

So läuft es bei der Familie Schweizer und ihren Vorfahren, den Winterhalders, bereits seit 1909. Seit mehr als 100 Jahren „herrschen“ sie über eine große Flotte mit vielen kleinen Schiffen. Diese waren und sind sehr beliebt. Wie heißt es doch so schön? Eine Seefahrt, die ist lustig. Und sehr entspannend dazu. Erst recht am Titisee. Jeden Sommer sieht man Leute tapfer rudern oder mit Fleiß auf dem Tretboot strampeln. Segelboote sind auch im Angebot, dazu Rundboote – sogenannte Donuts – für bis zu fünf Personen. Manche fahren damit in die Mitte vom See, andere drehen eine Runde immer am Ufer entlang oder suchen sich eine lauschige Stelle fürs Picknick. Auch große Rundfahrtschiffe sind unterwegs auf dem etwas mehr als einen Quadratkilometer großen Bergsee, der vom Seebach gespeist wird. „Jede Runde auf dem See ist anders“, sagt Armin Schweizer. Die Augen leuchten, auch bei seinen Passagieren.

Familie Schweizer betreibt zwei Rundfahrtschiffe namens
Familie Schweizer betreibt zwei Rundfahrtschiffe namens "Carola" und "Ingrid" - © Bootsbetrieb Schweizer Titisee

Die Eisenbahn bringt die ersten Urlauber

Das Abenteuer Schifffahrt auf dem Titisee beginnt mit dem aufkeimenden Tourismus. Nachdem sich am 21. Mai 1887 das erste Stahlross von Freiburg durchs Höllental in den Hochschwarzwald hinaufgekämpft hatte, verbreitete sich die Kunde vom einsamen Naturidyll hoch droben im Gebirge rasch in den Städten im Rheintal. Zwar war der „Lacus Titunse“ bereits gut 800 Jahre zuvor erstmals urkundlich erwähnt worden. Es hieß, dass er „unermesslich tief“ sei, dass auf seinem Grund eine versunkene Stadt liege oder dass aus ihm die kleinen Kinder kämen, die anderswo der Storch bringt. Die Sagen interessierten die ersten Besucher Ende des 19. Jahrhunderts jedoch nur wenig – es waren der See, die Natur, die Ruhe, die lockten. Immer mehr Ausflügler spazierten die paar hundert Meter vom Bahnhof über die grüne Wiese ans Ufer.

Ein findiger Hochschwarzwälder namens Lorenz Winterhalder, seines Zeichens Gründer und Besitzers des Elektrizitätswerks Titisee, startete das Abenteuer. Leinen los! Gut, so wild war es nicht, zunächst waren es lediglich zwei Boote mit Benzinmotoren, die 1909 auf dem See tuckerten. Zwei Jahre später bekam Winterhalder, den alle nur "Lenz" nannten, vom Badischen Bezirksamt die Erlaubnis zur „Aufstellung von Ruderbooten". Sein erstes großes Motorschiff hieß "Eugen" und konnte 45 Passagiere aufnehmen. Die Freude bei den Fahrgästen war groß. Bei dieser Kulisse! Nach dem Ersten Weltkrieg wurden erste Lampionfeste gefeiert, die die Wasseroberfläche zum Glitzern brachten. Daraus entstand das heutige Seenachtsfest.

Seit Generationen eng mit dem Wasser verbunden: Lorenz Winterhalder auf seinem ersten großen Motorschiff
Seit Generationen eng mit dem Wasser verbunden: Lorenz Winterhalder auf seinem ersten großen Motorschiff "Eugen" - © Bootsbetrieb Schweizer Titisee

Lenz Winterhalder hatte am „Schiffle fahre“ genauso viel Freude wie sein Sohn Karl, der mit seiner Kapitänsmütze verdammt fesch aussah. Allerdings war nicht immer alles unbeschwert. Als sich 1938 schon auf den großen Krieg vorbereitet wurde, mussten alle, die mit einem Dieselmotor auf dem See tuckern wollten, ihren Sprit selbst mitbringen. Nach dem Krieg war es das gleiche Spiel – zum Glück lag die Tankstelle direkt gegenüber. Ab 1949 entdeckten amerikanische Soldaten und ihre Angehörigen den „lovely Black Forest“ samt Titisee. Auch Schweizer und Franzosen kamen hinauf.

Prinzen und Könige zu Gast

Das Wirtschaftswunder verstärkte den Wunsch, ins Grüne zu fahren – oder an den blauen See. Denn auf dem Wasser ist die Sommerfrische stets noch ein bisschen frischer. Die Seele baumeln lassen und die Füße im Wasser, so lässt es sich gut leben. Was manchmal auch schief gehen kann:

Das Rettungsschiff "Karl" musste zu Spitzenzeiten in den 1970er-Jahren bis zu 20-mal in einem Sommer aufs Wasser, um Windsurfer vor dem Ertrinken zu retten, die vom Brett geplumpst waren – oder sogenannte "Wasserbrettfahrer", die sich für 3 Mark die halbe Stunde von einem Boot ziehen ließen.

Vom Besuch eines preußischen Prinzen am Titisee vor rund 100 Jahren ist überliefert, dass ihn Lorenz Winterhalders Frau "Lenzi" – eigentlich Sofia, stets einen Stumpen rauchend – zurückgepfiffen habe, als das Wetter drehte und er sich dennoch eigenmächtig ein Boot losmachte und auf den See fahren wollte. „Hee! Sie hen wohl heut no kei Wasser g'soffe?“, soll sie ohne falsche Pietät gefaucht haben. Sogar der saudische König Ibn Saud war mal auf dem See zu Gast – aber ohne Scherereien mit "Lenzi".

Von einigen aufkommenden und wieder nachlassenden Moden wie Motorbootsurfen abgesehen, waren und sind Motorboote und Tretboote nach wie vor für die meisten Gäste das Mittel der Wahl, um diesen See zu erkunden, der manchmal erst im März eisfrei ist und noch länger ziemlich kalt. Sehr beliebt sind auch die Panoramaboote, die elektrisch ihre Runden drehen. 25 Minuten dauert so eine Tour. Die CO2-Bilanz liest sich gut, da mit Biostrom „getankt“ wird. Wer würde beim Anblick der "Carola", die bereits 1968 den langen Weg von der Werft bei Köln in den Hochschwarzwald gemacht hat, schon ahnen, dass direkt unter ihrem Fußboden Batterien liegen? Vom Retroschick dieses Schiffes schwärmt Armin Schweizer noch heute. Das Fensterglas ist orange, die Sitze sind aus Holz.

Unter "Schweizer" Flagge

Als Bootsführer Fritz Hepp 1982 zum letzten Mal von Bord ging, wurde das zum Anlass genommen, um die Kilometer zu zählen. Sage und schreibe 52.000 hatte er in zehn Jahren zurückgelegt – mehr als einmal um die Erde. Die Zahl muss man verdoppeln, denn Familie Schweizer betreibt zwei Rundfahrtschiffe, neben der Carola auch die Ingrid. Ab Ende des Zweiten Weltkriegs fuhren beide bis in die 1980er-Jahre unter der Hausflagge der Winterhalders, einem roten Wimpel mit weißer Möwe darauf. Die versetzte durch ihre Ähnlichkeit mit dem Schweizerkreuz so manchen Urlauber aus dem Nachbarland in Verzückung: „Wir fahre mit em Schwiizer Veggeli“, freuten sich die eidgenössischen Fahrgäste.

Familienbande: Ursula und Klaus Drubba (vorne) mit Ihren Söhnen Thomas, Olaf, Jürgen und Peter Drubba (v.l.)
Familienbande: Ursula und Klaus Drubba (vorne) mit Ihren Söhnen Thomas, Olaf, Jürgen und Peter Drubba (v.l.) - © Drubba GmbH

Die Familie Winterhalder-Schweizer blieb nicht der einzige Bootsbetrieb am Titisee. Seit 1956 wartet auch das Familienunternehmen Drubba mit kleinen und auch zwei großen Booten auf, der „Götz von Berlichingen“ und der „Titus“. Letztere ist einer römischen Galeere nachempfunden und fasst um die 80 Passagiere. Ihr Aussehen und ihren Namen verdankt die "Titus" dem römischen Kaiser gleichen Namens, der mit seinen Soldaten einst am See gerastet haben soll. Ließ er gleich eine Galeere bauen oder wurde nur eine Amphore Gewürzwein am Ufer geleert? Was ist wahr und was Legende? Nichts Konkretes ist überliefert und weder Helme, Speere oder Amphoren wurden bislang auf dem bis zu 39 Meter tiefen Seegrund gefunden.

„Titus“-Bootsführer Harry Meyer nimmt's mit alemannischer Gelassenheit. Wer zur See fährt, hat eh anderes im Sinn. Man schaut nicht in die Tiefe, sondern auf den Horizont. „Auf dem See ist die Stimmung immer anders“, verrät er die Vorzüge seines Lieblingsjobs und schwärmt vom Ausblick ins Bärental, auf den Feldberg und den Hochfirst. „Das muss man erleben!“ Sobald der See im Frühjahr wieder eisfrei ist, heißt es: Anker lichten und Leinen los. Bootsführer, Matrosen und Passagiere freuen sich schon.

Sommerfrische

Bootfahren, schwimmen, tauchen, Stand-up-Paddling: Wassersport in all seinen Facetten ist im Hochschwarzwald nicht nur am Titisee möglich, sondern ebenso am Schluchsee und am Windgfällweiher. Abkühlung an heißen Tagen versprechen auch die zahlreichen Schluchten und Wasserfälle in der Ferienregion.

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