Die Brauchtumsretter Wie vier Ühlinger nach dem Krieg die Fastnacht wiederbelebten

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, mit all ihren Nachkriegswirren, die auch im Hochschwarzwald zu spüren waren, war wenig Platz für Bräuche – und schon gar nicht
für Jux und Narretei. Dies galt besonders für das Dorf Ühlingen. Dessen damaliger
Bürgermeister, ein stockkonservativer Landwirt, hatte für die alemannische Fastnacht
noch nie etwas übriggehabt. Vier Einwohner ließen sich davon nicht beirren und hauchten,
nachdem auch Sport- und Musikverein vorsichtig an alte Traditionen angeknüpft hatten,
als „die vier Karierten“ der örtlichen Fastnacht neues Leben ein.

Narrenverein Stiegele Chatz
Narrenverein Stiegele Chatz - © Torsten Boll

Bereits 1875 soll es in Ühlingen närrische Veranstaltungen gegeben haben – überliefert sind Umzüge und Maskenbälle „zur Ehren des Prinzen Karneval“ –, aber wie in den meisten Gemeinden hatte das noch wenig zu tun mit der organisierten Fastnacht, wie man sie heute kennt. Diese erlebte in Ühlingen ihren Urknall erst 1952 – dem Jahr, als aus Klamauk ein handfestes Brauchtum wurde.

Die Brauchtumsretter von Ühlingen waren Otto Müller, der Ratsschreiber, Otto Buchmüller, der leidenschaftliche Schnitzer, Ludwig Blatter, der Sägewerksbesitzer, sowie Josef Buchmüller, der mindestens einen Kopf kleiner war als die anderen, diese aber mit seinem Humor überragte. Als Jugendliche hatten sie 1937 ihre letzte Fastnacht vor dem Krieg erlebt. Nun waren sie im besten Alter und wollten den Brauch nicht nur wiederbeleben, sondern ihm Struktur geben und auf ein neues Niveau hieven. Als Erstes machten sie sich aber selbst zur Marke. Sie trugen einheitliche Strohhüte und Westen und nannten sich „die vier Karierten“. Der Name passte zum Muster ihrer Westen, war aber wohl auch doppeldeutig gemeint. Als „kariert“ wird im Alemannischen auch jemand bezeichnet, der gegen die Konventionen verstößt und aneckt.

Stiegele Chatz Umzug
Stiegele Chatz Umzug - © Stiegele Chatz e.V.

Fastnacht oder „Fasnet“, wie sie im Hochschwarzwald genannt wird, fiel 1952 auf die letzte Februarwoche. Als die vier Karierten das närrische Zepter übernahmen, gab es in Ühlingen weder einen Narrenrat noch eine Zunft. Müller, Blatter und die beiden Buchmüllers, die im Übrigen nicht näher miteinander verwandt waren, hoben zwei Veranstaltungen aus der Taufe, die noch lange Bestand haben sollten. Am Schmutzigen Donnerstag luden sie in die Gaststätte „Alte Post“ zum Hexenball und am Fastnachtssamstag stieg im „Posthorn“ ein Bunter Abend. Dort wurde getanzt, musiziert, geblödelt und – die Königsdisziplin – „Schnitzelbänke“ vorgetragen, wie man in alemannischen und schweizerischen Gegenden Büttenreden zu nennen pflegt.

In den kommenden Jahren lag beinahe die ganze Organisationslast der Ühlinger Fastnacht auf den Schultern der vier Karierten. Gegen Ende der 1960er-Jahre gerieten sie in eine kleine Sinnkrise. Vieles wirkte auf einmal festgefahren, sie suchten nach neuen Impulsen. 1970 regten sie die Gründung eines Narrenrates ein. Auf Anhieb fanden sich im Ort Interessenten, und zwar so zahlreiche, dass sich die vier Karierten nach zwölf Jahren zufrieden zur Ruhe setzen konnten.

Vor ihrem Abgang hatte Ratsschreiber Otto Müller allerdings noch eine zündende Idee. Ühlingen sollte sich eine eigene Fastnachtsfigur zulegen. Und als leidenschaftlicher Chronist, dem keine Dorfmythen fremd waren, hatte er auch eine konkrete Vorstellung. Es gibt da in der Ortsmitte einen Fußweg mit einer kleinen Treppe, dem sogenannten Stiegele. Wenn die Ühlinger früher vom Wirtshaus heimkehrten und die Frau schimpfte, warum es wieder so spät geworden sei, da erzählten sie ihr die Story von der Katz, die sie am Stiegele aufgehalten habe. Mannsgroß sei diese gewesen. Der Überlieferung nach soll sich an dem Ort einst tatsächlich eine schwarze Katze herumgetrieben haben. Dass sie so groß war wie ein Mensch, dürfte jedoch genauso ins Reich der Legenden gehören wie die Behauptung, sie sei verantwortlich für die Spätheimkehr aus dem Wirtshaus. Müllers Idee fiel auf fruchtbaren Boden, die Stiegele Chatz war geboren und die schwäbisch-alemannische Fastnacht um eine Figur reicher. Die Masken entwarf ein einheimischer Schnitzer, heute werden sie von Holzbildhauer Simon Stiegeler aus Grafenhausen gefertigt.

Stiegele Schatz Umzug.
Stiegele Schatz Umzug. - © Stiegele Chatz e.V.

Nachdem sie ihre Westen abgelegt hatten, traten die vier Karierten an Fastnacht nicht mehr groß in Erscheinung – mit einer Ausnahme: Josef Buchmüller. Der kleine Mann mit dem großen Humor ging noch viele Jahre lang in die Bütt. Niemand war vor seinen Seitenhieben sicher, am wenigsten Ühlingens politisches Personal. „Da muss man durch“, sagt der amtierende Ortsvorsteher Klaus Müller. „Wenn an Fasnet nicht mehr der Spiegel vorgehalten wird, können wir es gleich sein lassen“, sagt er, der es wissen muss. Denn Klaus Müller ist nicht nur Ortsvorsteher, sondern seit 1987 auch Mitglied im Narrenrat, 21 Jahre davon war er Präsident.

Was bleibt von den vier Karierten? Müller denkt kurz nach. „Ihr Humor, aber vor allem auch ihre Disziplin. Schließlich dürfen wir nie vergessen: Nichts ist strenger als die Fasnet“, sagt er und lacht.

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