Skiinternat: Kaderschmiede für junge Skisport-Talente

Wo Adler fliegen lernen
27.10.2021

von Philipp Hermann

Talentschmiede im Winterwunderland: Ob Biathlon, Langlauf, Skisprung – im Skiinternat Furtwangen leben und trainieren die nordischen Spitzensportler von Morgen. Praktischerweise haben sie dafür einige der schönsten Loipen des gesamten Schwarzwalds direkt vor der Tür.

Zwei Schritte. Drei Stockstöße. Weg sind sie. Aussichtslos, dran zu bleiben, wenn Emilie, Jakob und Jan auf der Loipe mal kurz aufdrehen. Kein Wunder. Die drei sind ja sozusagen die Schwarzwälder Weltmeister und Olympiasieger von morgen. Emilie Behringer: Biathletin, 19 Jahre alt. Jakob Horlacher, Langläufer, 17 Jahre. Und Jan Andersen, Nordischer Kombinierer, kürzlich volljährig geworden. Alle drei durchtrainiert bis in die Zehenspitzen. Und alle mit einem entspannten, offenen Lächeln im Gesicht. Eigentlich klar: Wenn man so viel Zeit draußen verbringt, auf engster Tuchfühlung mit dem Winter, macht das gute Laune.

Die drei haben einen Traum: Profisportler werden. Um diesen Traum zu verwirklichen, gehen sie auf das Skiinternat in Furtwangen. Der nordische Sport im Schwarzwald hat schließlich eine lange Tradition, er brachte Ausnahmesportler hervor wie Fabian Rießle, Benedikt Doll oder Georg Hettich. Sie alle waren Schüler des Skiinternats. Ebenso wie Martin Schmitt, Simone Hauswald oder Simon Schempp – die Vorbilder für die Jungathleten.

Skiinternat Furtwangen

Jan, Emilie und Jakob (v.l.) träumen von einer Karriere als Profisportler und sind auch in ihrer Freizeit viel auf Skiern unterwegs. © Patrick Kunkel

Deren Alltag im Skiinternat ist straff durchgetaktet: Schule, Hausaufgaben, Training. Und Training. Und Training. An den Wochenenden oft Wettkämpfe – oder nach Hause fahren. Heute aber cruisen Emilie, Jakob und Jan mitten am Tag völlig entspannt über die Langlaufloipe an der Martinskapelle. „Hier oben trainieren wir oft“, erzählt Jakob: „Aber es ist auch landschaftlich wunderschön.“

Das Loipengebiet liegt auf einem Höhenzug oberhalb von Furtwangen: Das Katzensteigtal rauf, dann eine geschwungene Bergstraße bis zur Martinskapelle. Und schon ist man auf über 1100 Metern Höhe mitten im Winterwunderland. Perfekt gespurte Trassen durchziehen die weitläufigen Wälder zwischen Brend und Rohrhardsberg. Neben dem alten Berggasthaus mit dem tief heruntergezogenen, schneebedeckten Walmdach, stehen robuste Kaltblüter mit dampfenden Nüstern in der klaren Winterluft.

Am Tag zuvor hat es ordentlich geschneit, sodass sich die Äste der Fichten und Tannen unter der Last biegen. Auf den offenen Weiden türmt sich Pulverschnee – ein Winter wie aus dem Bilderbuch, bei dem selbst versierte Nachwuchswintersportler ins Schwärmen geraten. Auch wenn sie fast jeden Tag auf Ski stehen.

„Ich liebe es einfach, hier meine Runden zu drehen“, sagt Jan: „Es ist unglaublich abwechslungsreich. Und wenn es tief verschneit ist, ist es noch schöner. Auf der Trimm-dich-Runde mit den Kamelbuckeln kann man sich total verausgaben.“

Und wenn sie es mal ruhiger angehen lassen? „Fahren wir Richtung Brend,“ sagt Emilie: „Dort, wo der Aussichtsturm steht – da siehst du den ganzen Hochschwarzwald vom Feldberg über den Schauinsland bis zum Kandel. Und bei gutem Wetter die Vogesen.“ Außerdem könne man rund um Martinskapelle und Weißenbacher Höhe „problemlos“ 30 Kilometer unterwegs sein, ohne eine Strecke doppelt zu laufen. Aber das machen die drei nur an freien Tagen, grinst Jakob: „Also wenn wir mal locker laufen wollen. Wenn die Schneelage es hergibt, dann kann man den ganzen Fernskiwanderweg laufen, der startet in Schonach und endet am Belchen – da braucht man halt die Zeit dazu. Aber auch die einzelnen Teilstücke sind echt schön.“

Draußen sein im Schnee auf Ski, stundenlange Touren im Winterwald „und im Gepäck eine Thermoskanne mit heißer Suppe. Einfach traumhaft“, findet Jan, auch wenn die drei solche Momente der Freiheit nur selten genießen: Im Skiinternat werden die besten Nachwuchstalente aus Baden-Württemberg gefördert, aber vor allem gefordert: „Deshalb sind wir ja hier“, grinst Jakob.

"Deshalb sind wir ja hier"
(Jakob)
Skiinternat

Hausaufgaben gehören zum Leben im Skiinternat. © Niclas Kullmann

„Das Talent bringt sie her und der Fleiß bringt sie weiter“, sagt Internatsleiter Niclas Kullmann. „Nic“ nennen ihn die drei Schüler: „Die meisten kenne ich von klein auf,“ sagt er. „Den Jan zum Beispiel schon seit er sechs Jahre alt ist.“ Irgendwann kommen junge Talente mehr oder weniger automatisch ans Skiinternat – meist wenn der Punkt erreicht sei, an dem Leistungssport und Schule nicht mehr unter einen Hut zu bringen sind. „Anderthalb Stunden am Tag allein für den Schulweg“, erzählt Emilie, die in Todtmoos aufgewachsen ist: „Und mindestens eine halbe Stunde zum Training am Notschrei.“

Als das Pensum stieg und auch noch Nachmittagsunterricht dazukam, sei es unmöglich gewesen, „alles in einen Tag reinzukriegen. Hier ist das entspannter“, findet sie – auch wenn die Wälder rund um Furtwangen „sehr anders sind, viel düsterer als bei uns im Süden. Aber ich mag das. Es ist eben Schwarzwald, wie man ihn sich vorstellt.“ Emilie lebt, lernt und trainiert im vierten und letzten Jahr im Skiinternat, das Abi steht an, danach der Umzug in eine eigene Wohnung: „Und der Einstieg in die Trainingsgruppe der Profis.“ Endlich.

Auch für Jakob war der Schritt ins Internat folgerichtig, wie die meisten der momentan 30 jungen Athletinnen und Athleten kam er mit 14 Jahren ans Skiinternat: „Es ging halt immer weiter. Erst Verein, dann Schülerkader und Landeskader. Und jetzt das Internat mit dem Ziel, in den Bundeskader zu kommen.“ Auch er stand vor der Entscheidung: Furtwangen – oder die sportlichen Ambitionen begraben.

„Über Motivation muss man sich bei allen hier keine Gedanken machen“, sagt Nic Kullmann, der das 1985 gegründete Internat seit elf Jahren leitet und seine Schüler in Skisprung und Nordischer Kombination trainiert: „Der Antrieb kommt von Innen. Aber um Leistungssport und Schule zu vereinbaren, braucht es Selbstdisziplin und Fleiß. Und drumherum muss alles passen. Deshalb bin ich hier sozusagen die Mama für alles.“

Skiinternat Furtwangen

Regelmäßiges Training auf der Loipe. © Patrick Kunkel

Dreißig Schüler leben aktuell im Internat, sie besuchen allgemeinbildende Schulen in Furtwangen, dank einer Ausnahmeregelung können sie das Abitur in 13 statt zwölf Jahren absolvieren. „Eine normale Schullaufbahn im G8-System parallel zum Leistungssport? Das geht nicht“, sagt Kullmann. Gut und gerne zwanzig Stunden trainieren die jungen Athletinnen und Athleten pro Woche. „Auf einer normalen Schule“, meint Jan, „kommt man niemals auf solche Umfänge.“ Die aber braucht man, um den Sprung in den Spitzensport zu schaffen.

Für Emilie, Jan und Jakob sind sportliche Erfolge eine riesige Motivation: „Der Traum von Olympiamedaillen und Weltcupsiegen ist für alle ein Grund, hier zu sein“, sagt Emilie. Und Jakob ergänzt: „Jeder hat diese Ziele. Aber Erfolg ist eine Treppe, wo man jeden Schritt nacheinander geht. Wenn es gut läuft, endet man irgendwann da oben.“

Es sei gut, dass seine Schülerinnen und Schüler Träume hätten, die so stark motivieren, sagt Nic Kullmann: „Du brauchst ja eine Karotte vor der Nase“, grinst er: „Aber am Ende ist der Weg das Ziel. Die Erfahrungen, die man hier machen kann, sind wichtiger. Oft erlebt man Sportler, die viel geopfert haben, aber kein gutes Leben hatten. Da fühlt sich auch eine Goldmedaille um den Hals nur hohl an.“

 

" Aber am Ende ist der Weg das Ziel."
(Nic Kullmann)

Diese Gefahr scheint in Furtwangen gering: „Ich mache, was mir Spaß macht“, sagt Jan, „denn Langlauf und Skisprung sind ja auch mein Hobby – und deswegen finde ich auch nicht, dass in meinem Leben etwas zu kurz kommt. Man setzt halt Prioritäten und die liegen bei uns allen beim Sport. Aber keiner hat das Gefühl, etwas zu opfern.“

Und überhaupt scheint das Leben im Internat den dreien richtig Spaß zu machen: „Viele, die das nicht kennen, denken, dass man hier eingekesselt ist, aber die Realität ist anders“, erklärt Jakob. Die Zimmer können die Schüler selbst streichen und gestalten, im Internat entstehen Freundschaften. Und alle besuchen normale Schulklassen: „Wir sind eine große Gemeinschaft, in der sich alle gut verstehen, aber wir haben reichlich Kontakt zur Außenwelt und ganz normale Freunde.“ Es sei, so Emilie, „eher wie eine Wohngemeinschaft, wo man immer jemanden um sich hat, und dazu eben Ansprechpartner, wenn es um Schule und Sport geht.“

Und außerdem gibt es da noch etwas ganz Besonderes in Furtwangen, wie Emilie grinsend betont: „Wir treffen ja bei Wettkämpfen und Lehrgängen viele Athleten aus anderen Sportinternaten. Dabei hat sich immer wieder herausgestellt: Wir haben eindeutig den besten Koch im ganzen Land.“

 

Anmerkung: Die Geschichte über die drei Nachwuchssportler entstand bereits im vergangenen Winter. Emilie und Jan haben mittlerweile ihr Abitur abgelegt, das Skiinternat verlassen und verfolgen ihren Traum von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.

Mehr Informationen

  • Auf die Latten!
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